Ratschläge

aus dem Zwischenreich





Erster Korintherbrief 7,29-31 29 Denn ich sage euch, Brüder und Schwestern: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer einen Ehepartner hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keinen, 30 wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, 31 wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

Markusevangelium 1,14-20 14 Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! 16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. 17 Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. 18 Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. 19 Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. 20 Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.


Stationen: Ein Zeitproblem / Ein glühender Wunsch / Keine Rezepte / Irritation zugespitzt / Umkehr von vorn / Gott als Frage / Worüber man sprechen muß

(1) Ein Zeitproblem. Christen haben ein Zeitproblem. Vor zweitausend Jahren ist ihr Meister aufgetreten und hat eine grundlegende Wende der Geschichte verkündet: "Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangeli um" Die Botschaft Jesu vom nahegekommenen Gottesreich ist die Botschaft einer Zeitenwende und eines Herrschaftswechsels: Das Weltregiment des Bösen wird zu Ende gehen und seine Macht verlieren. Gott, die Quelle des Guten, wird seine Friedensherrschaft antreten: Eine neue Zeit beginnt. Selig, die jetzt enttäuscht sind, denn sie werden getröstet werden. Selig, die auf Korruption und dunkle Machenschaften verzichten, denn ihnen wird die Erde gehören. Selig, die die Wahrheit sagen und reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Das ist nach Jesus Gottes Zukunft.

(2) Ein glühender Wunsch. Von dieser Botschaft möchte ich uns irritieren lassen. Denn wir haben ein Zeitproblem: Wann beginnt diese Zukunft Gottes? Nach dem Glauben der ersten Christen spätestens am Ostermorgen. Die Mächte des Todes haben nicht über Jesus triumphiert. Der auferstandene Jesus ist wie die erste Minute auf der Uhr der Zukunft Gottes, die keiner wieder zurückdrehen kann. "Die Gestalt dieser Welt vergeht", schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde von Korinth, in dem Abschnitt des Briefes, den wir in der Lesung gehört haben. "Die Gestalt dieser Welt vergeht": Das ist keine physikalische Aussage über die Zeit. Das ist auch keine philosophische Überlegung über die Vergänglichkeit aller Dinge. Sondern das ist der glühende Wunsch des Paulus, daß die Zeiger auf der Uhr Gottes kräftig voranschreiten und Gottes Zukunft unsere Gegenwart endgültig ablöst. An einer anderen Stelle seines Briefes an die Gemeinde von Korinth schreibt Paulus: "Wenn der letzte Feind des Menschen, der Tod, vernichtet ist, dann wird Christus dem Vater alles übergeben, und Gott wird sein alles in allem" (vgl. erster Korintherbrief 15,26-28).

(3) Keine Rezepte. Die Botschaft Jesu vom nahegekommenen Gottesreich, die Sehnsucht des Paulus, daß Gott sei alles in allem: Die Worte der Lesungen stellen unsere Gegenwart in den Raum der Zukunft Gottes. Vor dieser Zukunft Gottes verblassen die Ordnungen dieser Zeit, selbst die grundlegenden Einrichtungen der Familie und des Eigentums. Im Evangelium ruft Jesus Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus weg von den Netzen und damit auch heraus aus dem Netz ihrer Beziehugen und Verpflichtungen. Sie werden gerufen - so heißt es an einer anderen Stelle des Evangeliums - sie werden gerufen um Jesu und "um des Evangeliums willen Haus, Brüder und Schwestern, Mutter und Vater, Kinder und Äcker" zu verlassen: also Familie und Eigentum (vgl. Markusevangelium 10,29). Und Paulus schreibt: "Wer einen Ehepartner hat, verhalte sich so, als habe er keinen. Wer kauft, als würde er nicht Eigentümer" (erster Korintherbrief 7,39-30). Wer nach einem Rezept sucht für Familie, Ehe und Partnerschaft, nach einem fertigen Modell, das partnerschaftlicher, stabiler, glücklicher wäre als die Formen, die wir kennen - Wer nach einem Rezept sucht für das Eigentum, nach einem fertigen Modell, das gerechter wäre als die Eigentumsverhältnisse, die wir kennen: Der dürfte von Jesus und Paulus jetzt zumindest irritiert sein. Unsere Frage, wie wir die Ordnungen unserer Gegenwart gestalten und reformieren sollen, scheint wie verschwunden, wie aufgesogen von der einen großen Sehnsucht nach der Zukunft Gottes, nach Gottes Reich, danach, daß Gott sei alles in allem.

(4) Irritation, zugespitzt. Diese eine große Sehnsucht: Ist das denn genug für unsere Zeit und unseren Alltag? Im Abschied von den Ordnungen dieser Zeit, im Hoffen auf Gottes Zukunft: Kein Ort um zu Hause zu sein, nur ein Zwischenreich? Die Irritation läßt sich noch zuspitzen, wenn wir fragen, welche Bilder und Ratschläge für den Versuch eines Leben in diesem Zwischenreich die biblischen Texte bereithalten. Denn wozu Jesus die Fischer ruft und wozu Paulus der Gemeinde in Korinth rät, das läßt sich kaum gegensätzlicher vorstellen: Bei Jesus der Ruf, alles stehen und liegen zu lassen und sich mit ihm auf den Weg zu machen, den Menschen Gottes Zukunft anzusagen. Bei Paulus im Brief an die Gemeinde von Korinth die Weisung, nur ja in den bestehenden Verhältnissen des Lebens zu bleiben. Gleich dreimal schreibt es Paulus beschwörend im siebten Kapitel: "Brüder und Schwestern, jeder soll vor Gott in dem Stand bleiben, in dem ihn der Ruf Gottes getroffen hat" (1 Kor 7,24 vgl. 7,17.20). Kritiker des Neuen Testamentes und des Christentums haben daraus die Alternative gemacht: Jesus oder Paulus. Hier der charismatische Wanderprediger Jesus, der Menschen in Unruhe versetzt und Unruhe stiftet. Dort der römische Staatsbürger Paulus, der die Freiheit des Evangeliums zu einer rein inneren Angelegenheit macht, die sich schiedlich friedlich mit der bürgerlichen Moral seiner und aller Zeiten verträgt. Aber nicht nur bei den Kritikern, auch im Innern der Kirche ist eine Hilflosigkeit festzustellen, was das Leben in diesem Zwischenreich denn bedeutet: der Abschied von den Ordnungen dieser Zeit, das Hoffen auf Gottes Zukunft. Aus der Weisung des Paulus, in den Ordnungen dieser Zeit leben zu bleiben, aber mit einer inneren Distanz, wurde sozusagen das Standardprogramm für die Mehrheit des Kirchenvolks. Und aus Jesu Ruf in die Nachfolge wurde das Spezialprogramm für die "Elitechristen", die Ordensleute und später auch die Priester.

(5) Umkehr von vorn. Aber eine solche Aufteilung löst nicht unser Zeit problem. Vielleicht müssen wir ganz von vorn beginnen. Bei dem, was Jesus die Umkehr und Paulus den Glauben nennt. Der erste Schritt einer solchen Umkehr, eines solchen Glaubens könnte ja darin bestehen, dass wir die ausgelösten Irrationen nicht besänftigen und beruhigen, sondern anschauen und zur Kenntnis nehmen. Und dass wir dann unsere irritierten Fragen und Bedürfnisse an die biblische Botschaft einer Bekehrung unterziehen. Wir fragen für gewöhnlich nach Antworten für die ungelösten Seiten unseres Lebens, da wo wir an die Grenzen kommen und von Gott gern eine Antwort hätten. Indem wir aber Gott auf diese Weise zuschreiben, uns die Unsicherheiten unseres Lebens zu nehmen, laufen wir Gefahr, aus ihm eine Projektion unserer Bedürfnisse zu machen und aus dem Glauben eine Bewältigung des Unbewältigten - Der Philosoph Hermann Lübbe nennt Religion eine "Kontingenzbewältigungspraxis". Indem wir von Gott erwarten, das Unbewältigte und Unsichere unseres Lebens zu klären, verweisen wir ihn unterderhand an den Ort, wo unsere Fragen unbeantwortet bleiben: Wir schieben Gott zur Grenze, dort soll er sein. Der 1945 auf persönlichen Befehl Hitlers hingerichtete protestantische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat den Unterschied erkannt zwischen dieser Form von Religion und der biblischen Botschaft. Er schreibt aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge nach der Lektüre von Weizsäckers Buch "Weltbild der Physik":

Es ist mir wieder ganz deutlich geworden, daß man Gott nicht als Lückenbüßer unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren lassen darf; wenn nämlich dann - was sachlich zwangsläufig ist - sich die Grenzen der Erkenntnis immer weiter herausschieben, wird mit ihnen auch Gott immer weiter weggeschoben und befindet sich demgemäß auf einem fortgesetzten Rückzug. In dem, was wir erkennen, sollen wir Gott finden, nicht aber in dem, was wir nicht erkennen; nicht in den ungelösten, sondern in den gelösten Fragen will Gott von uns begriffen werden. Das gilt für das Verhältnis von Gott und wissenschaftlicher Erkenntnis. Aber es gilt auch für die allgemein menschlichen Fragen von Tod, Leiden und Schuld. Es ist heute so, daß es auch für diese Fragen menschliche Antworten gibt, die von Gott ganz absehen können. Menschen werden faktisch und so war es zu allen Zeiten - auch ohne Gott mit diesen Fragen fertig, und es ist einfach nicht wahr, daß nur das Christentum eine Lösung für sie hätte. Was den Begriff "Lösung" angeht, so sind vielmehr die christlichen Antworten ebenso wenig - (oder ebenso gut) - zwingend wie andere mögliche Lösungen. Gott ist auch hier kein Lückenbüßer; nicht erst an den Grenzen unserer Möglichkeiten, sondern mitten im Leben muß Gott erkannt werden; im Leben und nicht erst im Sterben, in Gesundheit und Kraft und nicht erst im Leiden, im Handeln und nicht erst in der Sünde will Gott erkannt werden. Der Grund dafür liegt in der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Er ist die Mitte des Lebens und ist keineswegs "dazu gekommen", uns ungelöste Frage zu beantworten (Dietrich Bonhoeffer, Brief an Eberhard Bethge aus dem Gefängnis in Tegel von 29. Mai 1944 in: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft).

(6) Gott als Frage. Das ist eine harte Polemik, die Bonhoeffer hier gegen das herkömmliche Verständnis des Christentums als Religion führt. Aber es ist eine Polemik des Glaubens: Gott nicht als Lückenbüßer, nicht als Antwort auf unsere Fragen und Probleme, sondern Gott als die Frage, die unsere Antworten in Frage stellt, als die Zukunft, die unsere Gegenwart aufsprengen kann. Gott nicht an der Grenze, sondern in der Mitte des Lebens: Das ist für Bonhoeffer die Umkehr, zu der Jesus ruft, der Glaube, von dem Paulus spricht. Wer so umkehrt, wer so glaubt, findet und sucht in den biblischen Texten keine Rezepte und keine fertigen Antworten mehr. Wir stehen statt dessen vor Gott und ver-antwort-en unser Leben. Das ist eine Zumutung: Keiner, kein Pfarrer, kein kirchliches Amt nimmt uns das ab. Das ist eine Befreiung: Keiner, kein Pfarrer, kein kirchliches Amt nimmt uns das ab.

(7) Worüber man sprechen muß. Im Abschied von den Ordnungen der alten Zeit, im Hoffen auf Gottes Zukunft geschieht das Leben von Christen. Kein fester Ort, eher ein Zwischenreich. Keine fertige Antwort, eher offene Frage. Ist das genug für unsere Zeit und unseren Alltag? Ja, das ist genug. Zumindest kann ich bezeugen, wie befreiend es sein kann, die biblischen Texte nicht als Antworten, sondern als Fragen zu lesen. Ich kann bezeugen, wie konkret diese Fragen an das eigene Leben dann werden. Aber davon ist nicht mehr in der Predigt zu handeln. Davon wäre miteinander zu sprechen, nicht nur eine halbe Stunde nach dem Gottesdienst. Davon wird miteinander zu sprechen sein in dieser Gemeinde.



Predigt zu den neutestamentlichen Perikopen des dritten Sonntags im Jahreskreis B (1 Kor 7,29-31; Mk 1,14-20) im Rahmen einer Predigtreihe der Katholischen Hochschulgemeinde Darmstadt, gehalten im Gottesdienst am Sonntag, den 23. Januar 2000



Druckfassung





© Ulrich Sander

Schreiben Sie an u.sander@predigthilfe.de